Weltweit  |  Technologie 

Bordeaux’ Erfolgsformel: Tram plus Erdgasbus

Frankreichs Südwesten wächst rasant. Das Geheimnis des Erfolgs: der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Dabei kommt CNG-Bussen eine Schlüsselrolle zu. Ein Interview mit Verkehrspolitiker Christophe Duprat.

Allein in 2016 gingen in Bordeaux 55 MAN Lion’s City GL CNG in Betrieb. Fast drei Viertel aller Busse der Stadt fahren mit Erdgas.
Allein in 2016 gingen in Bordeaux 55 MAN Lion’s City GL CNG in Betrieb. Fast drei Viertel aller Busse der Stadt fahren mit Erdgas.

Bordeaux, die alte Handelsmetropole 600 Kilometer südwestlich von Paris, ist eine Stadt mit Ambitionen. Seit dem massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs erlebt die Welthauptstadt der Weinkultur eine Verwandlung, die sie heute zu einem der schönsten und attraktivsten Ballungsräume in ganz Frankreich macht. Als Motor einer grundlegenden Stadterneuerung dient dabei seit Ende der Neunzigerjahre der Bau eines nachhaltigen und leistungsstarken öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). CNG-Bussen kommt hier eine Schlüsselrolle zu: 280 der 400 Busse der Metropolregion Bordeaux fahren mit Erdgas. Auch 55 brandneue MAN Lion’s City GL CNG zählen seit 2016 zum Fuhrpark der Stadt. Christophe Duprat, Vizepräsident der Metropolregion Bordeaux, ist verantwortlich für das Transportwesen. Im Interview erklärt er das innovative Verkehrskonzept der Stadt.

Verkehrspolitiker Christophe Duprat erklärt im Interview, warum Tram plus Ergasbus die Erfolgsformel für Bordeaux‘ Nahverkehr sind.
Verkehrspolitiker Christophe Duprat erklärt im Interview, warum Tram plus Ergasbus die Erfolgsformel für Bordeaux‘ Nahverkehr sind.

Herr Duprat, Bordeaux entwickelt sich gerade zu einer Metropole. Bis 2030 könnte der Großraum eine Million Einwohner zählen, zur Jahrtausendwende zählte die Region keine 700.000 Einwohner. Wie hält der ÖPNV mit dieser Entwicklung Schritt?

Wir halten nicht nur mit, wir gestalten den Aufschwung. Mit dem Bau von neuen Tramlinien und Expressbuslinien wurden ganze Viertel neu erschlossen oder verdichtet. Mehr Platz für Fußgänger und Fahrräder – und damit weniger Platz für Autos und Parkplätze. Das hat die Stadt menschlicher gemacht, lebenswerter. Vor 20 Jahren war das Gironde-Ufer eine schwarze Autobahn, heute ist es eine grüne Promenade. Der ÖPNV begleitet diese Entwicklung, unser Fahrgastaufkommen wächst jedes Jahr um sechs Prozent.

Was heißt das konkret in Zahlen?

Heute zählen wir rund 130 Millionen Fahrgäste im Jahr, 2009 lagen wir noch bei 90 Millionen. Das Fahrgastaufkommen verteilt sich zu 60 Prozent auf die Trambahn und zu 40 Prozent auf Busse. Mit den neuen CNG-Bussen fangen wir die gestiegene Nachfrage auf und erneuern den Fuhrpark.

Welche Rolle spielen CNG-Busse in Ihrem Verkehrskonzept?

Wir haben uns schon sehr früh für Erdgasbusse entschieden und setzen seit 1999 auf diese umweltfreundliche Technologie. Heute fahren nahezu alle unsere Neuanschaffungen mit Erdgas. Die Technik der Busse ist absolut ausgereift. Im Zusammenspiel mit den 100 Prozent elektrischen Trambahnen bildet unsere CNG-Flotte die Basis für unsere ausgezeichnete CO2-Bilanz.

Welche Vorteile bietet Erdgas als Kraftstoff?

Als wir die ersten CNG-Busse gekauft haben, war Erdgas der mit Abstand umweltfreundlichste Kraftstoff. Und das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Allerdings lohnt der Einsatz der CNG-Technologie nur für Verkehrsbetriebe, die langfristig denken. Denn die Umstellung auf Erdgas ist anfangs mit erheblichen Infrastrukturinvestitionen verbunden, wie dem Aufbau von Lagerkapazitäten für den Treibstoff und die Umrüstung der Betriebstankstellen. Diese Investitionen haben sich gelohnt, gleichwohl besteht für die Metropolregion Bordeaux keinerlei Grund, einen erneuten Technologiewechsel zu vollziehen.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Technologie, die das Potenzial hätte, dem Erdgas den Rang abzulaufen?

Es zeichnet sich ab, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis der Erdgasantrieb von alternativen Technologien wie dem Elektroantrieb oder hybriden CNG-Lösungen abgelöst wird. Ich sage den CNG-Bussen also noch ein langes Leben voraus.

Bordeaux’ Aufschwung wird oftmals mit dem Bau der Trambahn in Verbindung gebracht. Doch spielte die Investition in ein modernes Busnetz nicht auch eine große Rolle?

Sicherlich war die Entscheidung für den Bau des Tramnetzes im Jahr 1996 die Initialzündung für Bordeaux’ Boom. Dort wo die Trambahn fährt, wurden Quartiere von Grund auf erneuert und entwickelt. Doch ohne Busse könnte das Tramnetz nicht so effizient funktionieren. Vor allem die Metrobuslinien mit den neuen CNG-Fahrzeugen von MAN schließen Lücken zwischen den Tramlinien und verbinden diese auch sinnvoll. Dank der Busse müssen die Fahrgäste nicht mehr in das Zentrum fahren, um die Tram zu wechseln.

Wie entscheidend war dieses Erfolgsrezept für die gelungene Stadtentwicklung?

Die Entwicklung des Nahverkehrs ging hier mit der Stadtentwicklung immer Hand in Hand. So wurde überall dort, wo Tram- und Buslinien verlaufen, der Autoverkehr konsequent eingeschränkt. Zum Beispiel mit strengen Zugangskontrollen für Pkw rund um das Zentrum oder mit der Schaffung von Buskorridoren auf den Hauptverkehrsachsen. So konnten wir den Verkehrskollaps verhindern und zugleich die Attraktivität der Stadt stetig verbessern, sodass Bordeaux heute zu den dynamischsten Städten Frankreichs zählt. Diese Transformation der Stadt wäre ohne den durchdachten Ausbau des ÖPNV mit Tram und Bussen nicht denkbar gewesen.

Droht das rasante Wachstum der Stadt den ÖPNV nicht zu überfordern?

Der Erfolg stellt uns natürlich auch vor Herausforderungen, dennoch ist unser Handlungsspielraum noch groß. Wir werden weiter in den öffentlichen Nahverkehr investieren. Entscheidend ist jedoch, ob auch weiterhin Arbeitsplätze entstehen. Die Stadt kann nur wachsen, wenn sich Wohnraum, Transportwesen und Arbeitsmarkt im Einklang entwickeln.

Wie bereiten sich Verkehrsbetriebe konkret auf diese Entwicklungen vor?

Wir bauen aktuell das bestehende Trambahnnetz bis zum Flughafen aus, planen eine vierte Tramlinie und werden neue Metrobuslinien im Großraum Bordeaux in Betrieb nehmen. Denn die nächste Herausforderung wird darin bestehen, die Umlandgemeinden besser zu vernetzen, um das sternförmiges Verkehrsnetz zu entlasten. Dafür sind CNG-Metrobusse das Mittel der Wahl. Im Vergleich zur Tram sind sie günstiger in der Anschaffung, schnell zu haben und flexibel einsetzbar.

Bilder © Arnaud Février

Diese Seite teilen
teilen Auf Facebook teilen
tweet Auf Twitter teilen
Auf LinkedIn teilen